Personal Accounting

Ratgeber · 9 Min. Lesezeit

Notgroschen aufbauen: wie viel, wo hin – und in welcher Reihenfolge

Drei Netto-Monatsgehälter ist der falsche Maßstab. Wie du deinen echten Grundbedarf ausrechnest, in drei Stufen dorthin kommst und welches Konto dafür taugt.

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Der Notgroschen ist die Geldfrage, bei der sich praktisch alle Fachleute einig sind – und die trotzdem bei den meisten fehlt. Das liegt selten an Nachlässigkeit. Wer nicht weiß, wie hoch die Rücklage sein soll, wo sie liegen soll und wie lange es dauert, fängt schlicht nicht an. Also der Reihe nach, mit Zahlen.

Wofür der Notgroschen da ist – und wofür nicht

Ein Notfall ist eine Ausgabe, die du vor drei Monaten nicht kommen sehen konntest und die sich nicht verschieben lässt. Beides muss zutreffen. Das klingt spitzfindig, entscheidet aber darüber, ob die Rücklage in dem Moment da ist, in dem sie zählt.

  • Die Waschmaschine oder der Kühlschrank gibt auf
  • Autoreparatur, weil der TÜV die Plakette verweigert
  • Nebenkostennachzahlung von 600 €, mit der niemand gerechnet hat
  • Eigenanteil beim Zahnersatz
  • Jobverlust, Kurzarbeit oder ein Auftrag, der als Selbstständiger ausfällt
  • Kurzfristiger Umzug samt neuer Kaution

Kein Notfall sind dagegen Weihnachten, der Sommerurlaub, Winterreifen, der TÜV-Termin selbst und das Telefon, dessen Akku seit einem halben Jahr schwächer wird. Das sind planbare Ausgaben, und sie gehören in eigene Sparziele mit Monatsrate. Wer sie aus dem Notgroschen bezahlt, hat im Dezember zuverlässig keinen Notgroschen mehr – und der Januar bringt fast immer eine Rechnung.

Wie viel? Drei Stufen statt einer Zahl

Die verbreitete Antwort lautet „drei Netto-Monatsgehälter“, und der Bezugspunkt ist falsch. Im Notfall brauchst du nicht dein Gehalt, sondern deinen Grundbedarf: alles, was weiterläuft, wenn Sparen und Wünsche wegfallen. Das sind Warmmiete, Strom, Versicherungen, Lebensmittel, der Weg zur Arbeit und die Mindestraten laufender Kredite.

Beispiel: 2.400 € Netto, davon 1.800 € Grundbedarf. Damit stehen die Stufen fest.

  1. Stufe 1 – 1.000 €. Deckt die typische Reparatur und hält dich aus dem Dispo. Diese Stufe ist wichtiger als jede Geldanlage, und sie ist schnell erreicht.
  2. Stufe 2 – ein Monat Grundbedarf, hier 1.800 €. Ab hier ist eine unerwartete Rechnung ein Ärgernis und kein Ereignis mehr.
  3. Stufe 3 – drei Monate Grundbedarf, hier 5.400 €. Das ist das Ziel für Angestellte in einem stabilen Job.

Sechs Monate, hier also 10.800 €, sind angemessen für Selbstständige, Alleinverdiener mit Kindern, Menschen mit chronischer Erkrankung und Eigentümer, bei denen ein Dach zum Risiko gehört. Mehr als sechs Monate auf dem Tagesgeldkonto zu halten ist dagegen selten sinnvoll: Ab da kostet dich die Sicherheit mehr Rendite, als sie an Ruhe bringt.

Wohin damit

Das Konto für den Notgroschen muss drei Bedingungen erfüllen: binnen einem bis zwei Bankarbeitstagen verfügbar, nominal nicht schwankend, und nicht so bequem erreichbar, dass du im Supermarkt darauf zugreifst.

  • Tagesgeldkonto: der Standard. Täglich verfügbar, Einlagensicherung bis 100.000 € je Bank und Kunde. Der Zins ist ein Bonus, kein Auswahlkriterium – die Verfügbarkeit ist der Zweck.
  • Nicht das Girokonto. Geld, das neben dem Alltagsgeld liegt, ist nach zwei Monaten Alltagsgeld.
  • Nicht Festgeld. Eine Bindung über zwölf Monate widerspricht dem einzigen Zweck der Rücklage.
  • Nicht ETF oder Aktien. Genau in dem Jahr, in dem Stellen gestrichen werden, steht der Markt gern 25 Prozent tiefer – du müsstest im schlechtesten Moment verkaufen.
  • Nicht der Dispo. Ein Dispo ist kein Notgroschen, sondern ein Kredit zu 10 bis 13 Prozent, den dir die Bank jederzeit kürzen kann.

Praktisch heißt das: ein Tagesgeldkonto ohne Karte, gern bei einer anderen Bank als dem Girokonto. Die zwei Tage Überweisungsdauer sind kein Nachteil, sondern Absicht.

Der Plan: 200 € im Monat

Ein Dauerauftrag am Tag nach dem Gehaltseingang, 200 €, und zwar bevor du über den Monat nachdenkst. Sparen, was am Monatsende übrig bleibt, funktioniert bei fast niemandem, weil am Monatsende nichts übrig bleibt – der Betrag muss weg sein, bevor er verfügbar ist.

  1. Nach 5 Monaten: 1.000 €. Stufe 1 steht.
  2. Nach 9 Monaten: 1.800 €. Ein Monat Grundbedarf ist gedeckt.
  3. Nach 27 Monaten: 5.400 €. Drei Monate Grundbedarf.

Zwei Jahre und drei Monate für die volle Rücklage klingt nach einer Ewigkeit. Entscheidend ist aber Monat 5, nicht Monat 27: Der Unterschied zwischen 0 € und 1.000 € ist der Unterschied zwischen einer kaputten Waschmaschine im Dispo und einer kaputten Waschmaschine als Überweisung. Alles danach ist Komfort.

Vier Beschleuniger

  1. Fixkosten. Eine Runde durch Strom, Mobilfunk, Versicherungen und Abos bringt in vielen Haushalten 100 € im Monat. Aus 200 € werden 300 €, und Stufe 3 rückt von Monat 27 auf Monat 18.
  2. Steuererstattung. Wer eine Erklärung abgibt, bekommt im Schnitt einen vierstelligen Betrag zurück. Das ist Geld, mit dem dein Monat nicht gerechnet hat – es gehört vollständig auf das Tagesgeldkonto, nicht auf das Girokonto, wo es sich still auflöst.
  3. Urlaubs- und Weihnachtsgeld halbieren. Eine Hälfte darf Freude sein, die andere geht auf die Rücklage. Das ist realistischer als der gute Vorsatz, alles zu sparen.
  4. Jede Gehaltserhöhung zur Hälfte in den Dauerauftrag, und zwar im selben Monat. Nach drei Monaten hast du dich an das höhere Netto gewöhnt, danach fühlt es sich wie Verzicht an.

Wenn du gleichzeitig einen ausgeschöpften Dispo oder eine Kreditkartenschuld mit 11 Prozent hast: erst Stufe 1 mit 1.000 € aufbauen, dann mit voller Kraft tilgen, danach zu Stufe 2 weitergehen. Ganz ohne Puffer landet die nächste Reparatur wieder im Dispo, und du tilgst gegen dich selbst.

Wenn du ihn benutzt hast

Die Rücklage anzufassen ist der Erfolgsfall, nicht das Scheitern. Genau dafür ist sie da. Es gibt nur eine Regel danach: Der Dauerauftrag läuft unverändert weiter, bis die Stufe wieder steht. Kein Nachrechnen, wie schlimm es war, keine Bestrafung.

Nützlich ist eine Frage nach dem dritten Zugriff: War das wirklich unvorhersehbar? Wenn der Notgroschen dreimal im Jahr für Reifen, TÜV und Zahnreinigung herhalten muss, fehlt dir keine größere Rücklage, sondern ein geplantes Sparziel für Auto und Gesundheit. Und wenn Stufe 3 irgendwann steht, stell den Dauerauftrag nicht ab, sondern um – auf Altersvorsorge oder ein Sparziel. Die Rate ist eingeübt, das ist der schwierigste Teil und der wäre dann schon erledigt.

Die eine Zahl, die du dafür brauchst

Der ganze Plan hängt am monatlichen Grundbedarf, und den kennen die meisten nicht. Rate nicht, sonst planst du zu knapp. Nimm drei Monate echter Ausgaben, streich alles, was im Notfall wegfällt – Essengehen, Kleidung über den Ersatz hinaus, Streaming, Urlaubsrücklage – und was übrig bleibt, ist deine Zahl. Runde sie nach oben, nicht nach unten.

Genau dafür ist ein Haushaltsbuch gut. In unserer App siehst du nach einem Monat, wie hoch dein Grundbedarf tatsächlich ist, weil wiederkehrende Kosten und Kategorien getrennt ausgewiesen werden. Die Rücklage selbst legst du als Sparziel mit Zielbetrag an und siehst nach jeder Einzahlung, welche Stufe als nächste fällt – erfassen musst du dafür kaum etwas, den Bon fotografierst du und die Buchung schreibt sich selbst.

Der Notgroschen macht dich nicht reicher. Er ändert nur, was eine kaputte Waschmaschine bedeutet: einen Ärger über 500 € statt einen Monat mit schlechtem Schlaf und einem Dispo, der dir noch im Sommer nachhängt. Das ist der beste Gegenwert, den 200 € im Monat kaufen können.

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